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In Badehose und Flipflops zum Top-Job

Unternehmen werben inzwischen hart um Top-Talente – und setzen dabei auf ungewöhnliche Bewerbungs-Events. Mithilfe von Autos, Sport und Musik als Lockmittel wollen sie die richtigen Kandidaten herausfiltern.

Unternehmen auf Mitarbeitersuche beschäftigen sich derzeit verstärkt mit kreativem Recruitment. Vor allem aus der Erkenntnis heraus, dass die Berufseinsteiger von heute lange nicht mehr mit dickem Gehalt, Dienstwagen und Eckbüro zu ködern sind. Die Absolventen dieser Tage wollen Herausforderungen, eine ausgewogene Work-Life-Balance und einen Arbeitgeber, bei dem Nachhaltigkeit und Unternehmenskultur keine Unbekannten sind. Doch auf Absolventenmessen oder Infoabenden lässt sich ausgerechnet das nur schlecht zeigen.

An der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt gibts deshalb die Summer Challenge der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät (WFI). Thema des langen Wochenendes am Baggersee von Ingolstadt: Recruting einmal sportlich! Kleiner Unterschied zu ähnlichen Veranstaltungen: Hier organisieren die Studenten das Recruiting-Event. Ihre Vorstellung vom Kontakteknüpfen zu potenziellen künftigen Arbeitgebern beinhaltet: Strandsport und Freizeitaktivitäten, Sonne, Shorts und viel Gemeinsamkeit.

BWL-Studenten von mehr als zehn Universitäten in Deutschland werden vorab informiert und können sich anmelden – für Bewerbungsgespräche mit den Unternehmen, die sich bei der Summer Challenge präsentieren, und für die sportlichen Teams, die in mehreren Turnieren antreten. Wer will, kann in den so genannten Allstar-Teams der Unternehmen anheuern, die mit gemischten Mannschaften aus Studenten und Managern mitspielen. So kann jeder der 600 Teilnehmer von der ersten Minute an testen, ob ein möglicher künftiger Abteilungsleiter Ballgefühl hat, ein Teamplayer ist, Kommunikation für überflüssig hält oder vor Ehrgeiz sprüht. Und umgekehrt checken die Unternehmen sportlich und im Gespräch, ob der Student zum eigenen Haus passt.

Vor allem Unternehmensberatungen und Wirtschaftsprüfer melden sich jedes Jahr, um Nachwuchskräfte zu rekrutieren, darunter Roland Berger, Capgemini, KPMG. Für sie bietet das Event eine unverwechselbare Plattform, sich einerseits als attraktiver Arbeitgeber zu präsentieren und andererseits potentiellen Praktikanten und Trainees auf den Zahn zu fühlen. Sonne, Strand und Party inklusive.

Auch Roman Dykta, bei KPMG für Personalmarketing zuständig, hat Anzug und Krawatte gegen Shorts und Flipflops getauscht. “Hier ist die Hemmschwelle, mal einfach nachzufragen, viel niedriger. Die Teilnehmer haben einen ganz unterschiedlichen Wissensstand, stecken in verschiedenen Etappen ihres Studiums. Jeder hat hier aber die Chance, die Unternehmen einfach und ungezwungen kennenzulernen – mit vorbereitetem Gespräch oder auf Zuruf. Und der Vorteil für uns: Der Student gibt sich natürlicher, gibt seine Bewerbungsfassade ein wenig auf. Da können wir persönliche Vorlieben erkennen und sehen, ob er auch zu uns passt. Wir wünschen uns Mitarbeiter, die mit Leidenschaft und Empathie bei uns arbeiten – hier kann man das schon ganz gut abschätzen.”

Der Autobauer Audi, für die Studenten in Ingolstadt stets präsent, zeigt bei der Summer Challenge ebenfalls seit Jahren Flagge. Ingo Deking von Audi Consulting findet das richtig: “Einerseits ist die Organisation durch die Studenten super, das wollen wir honorieren und unterstützen. Und wir haben ja auch Bedarf an guten Nachwuchskräften. Wer Interesse hat, kann in diesen Tagen viel von uns lernen, kann sehen, wie ist der Spirit bei uns, wie arbeiten wir zusammen, wie ist unser Unternehmensklima.”

Um in der Reihe der potenziellen Arbeitgeber aufzufallen, lassen sich die Unternehmen einiges einfallen: So testet Siemens Management Consulting das Spielerisch bereits am Info-Stand mit Wasserbällen, die auch beim Baden im nahen See vielfach zum Einsatz kommen. Bei Roland Berger bringen drei Masseure verkrampfte Sportlerwaden wieder ins Spiel. Capgemini erfrischt mit Fruchtcocktails. Bei Vodafone drängelt sich alles um den Tischkicker. KPMG lässt Studenten gegen einen Tischtennisroboter antreten, was gleichzeitig Geld für eine Charity-Aktion einbringt.

Zwischen den Aktionsständen sitzen an Biertischen Zweier- und Dreiergruppen, um die Spielpausen auf dem Volleyball-, Beachsoccer- und Völkerballfeld sinnvoll für die Karriere zu nutzen. Meist unterscheiden sich die Gesprächspartner altersmäßig kaum. Denn oft gibt hier ein Trainee oder vormaliger Praktikant seine Erfahrungen weiter. Auch unter den teilnehmenden Personalmanagern finden sich eher Jüngere. Nepomuk empfindet das als Vorteil. Zudem hat seine Anfrage im Vorfeld bewirkt, dass er einen Fachmann aus seinem favorisierten Arbeitsfeld sprechen kann. “Der war jung, sportlich, sehr motiviert – das hat gepasst. Ich würde gern in die Beratung gehen und will einen persönlichen Eindruck, wie die bei Capgemini so ticken. Das hat geklappt. Ich habe noch ein halbes Jahr mit Klausuren und Masterarbeit zu tun, danach wäre ein Praktikum gut. Vielleicht ist sein Eindruck auch positiv.” Nepomuk setzt dabei nicht nur auf gute Noten. “Ich bin gut, habe aber nicht nur Einser. Aber ich denke, dass bei vielen Unternehmen auch auf soziales und persönliches Engagement abseits der Uni gesetzt wird. Das will ich nutzen.”

Sandra Margraf ist derzeit Doktorandin an der Zeppelin University in Friedrichshafen. Bei ihr dauert es noch eine Weile bis zum Berufseinstieg: “Mir ist es aber wichtig, mehr über einen möglichen Arbeitgeber zu erfahren. Deshalb will ich mich hier umschauen. Zusammen mit den Jungs von Loyalty Partner habe ich im Allstar-Team gespielt, obwohl ich beim Beachsoccer ein totaler Anfänger bin. Aber hier kommt es eben nicht nur auf sportliche Qualitäten an. Und neben den Infos zur Karriere haben die mir eine Menge Spaß vermittelt. Ich glaube, ich könnte mir gut vorstellen, mich bei denen zu bewerben.” Sandras Eindruck: Wichtig ist der Umgang miteinander auf Augenhöhe, eben Bewerbungs- und Vorstellungsgespräche, die sich mit verschwitzten Gesichtern und angeschmuddelten Team-Trikots ein wenig anders gestalten als auf klassischen Karrieremessen.

Heinrich Kuhn, Dekan der Ingolstadt School of Mangement/Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät Ingolstadt, kurz WFI, sieht darin enorme Vorteile: “Die Universität veranstaltet ja auch Career Days. Doch die Summer Challenge ist was Besonderes. In der Managerausbildung geht es ja neben Fach- und Sprachwissen auch verstärkt um Sozialkompetenz. Und hier kann sich jeder beweisen – die Unternehmen und die Studenten. Die Motivation auf beiden Seiten ist daher groß. Letzlich ist es auch egal, ob ein Praktikum oder ein neuer Job zustande kommen: Die Kontakte, die hier geknüpft werden, fließen ganz schnell in die sozialen Netzwerke ein und werden im Berufsleben viel intensiver genutzt als andere, ist unsere Erfahrung. Weil ein Erlebnis dahinter steckt.”

Diesen Gedanken verfolgen die Unternehmen auch beim Business-Picknick. Jana Flindt, Trainee bei Vodafone, hat mit ein paar Kollegen eine Handvoll Studenten auf die Wiese am See eingeladen – den Picknick-Korb, gefüllt vom WFI-Summer-Challenge-Team mit Obst, Getränken, Brötchen, in der Hand. “Ich hab letztes Jahr noch hier als Student Ausschau gehalten nach einem Praktikum oder ähnlichem. Und bin dann tatsächlich direkt in die Telekommunikation gegangen. Jetzt kann ich den anderen erzählen, was ich mache. Ich bin bei Vodafone schnell ins kalte Wasser geschmissen worden, habe Verantwortung übernehmen müssen. Was ich dabei gelernt habe und welche Stationen ich durchlaufe, interessiert die Picknick-Teilnehmer am meisten. Und wenn wir die Bewerber gut finden, das weiß ich ja aus eigener Erfahrung, dann kann es ganz schnell gehen, dann ist der nächste Trainee-Platz in ein paar Tagen gefüllt.”

Wenn es so läuft, ist Andreas Clever sehr zufrieden. Vor mehr als zehn Jahren hat er mit ein paar Freunden die WFI Summer Challenge auf den Weg gebracht. “Das hat sich natürlich entwickelt. Damals haben wir mit 300 Teilnehmern und acht Organisatoren angefangen. Jetzt – mit 28 Mann im Orga-Team und zahlreichen Supportern – läuft das deutlich reibungsfreier. Viele Ideen sind auch neu dazugekommen, die laufen jetzt richtig gut. Und wenn ich ehrlich bin, es ist großartig zum Netzwerken, auch jetzt noch, wo ich mich längst mit einem Startup in San Francisco selbständig gemacht habe.” Sagt’s und freut sich schon auf das abendliche Tauziehen, bei dem die Studenten nicht nur um Ruhm und Ehre, sondern auch um hochwertige Handys wetteifern. Kann man für den Karrierestart auch gut gebrauchen, sagt einer der Wettkämpfer pragmatisch.
Am Rande fällt auf: Eigentlich sind ja Ehrgeiz, Disziplin, Teamfähigkeit und andere Führungsqualitäten gefragt. Doch mancher meint, mit Ideen und Kreativität macht man auch Eindruck. So tauchen beim Blick auf die Spiel- und Ergebnistabellen Namen auf wie “Dick&durstig”, “Sandgranaten” “Little volley, much ball”, “Thekenbrasilianer”, “Doppelter Knieschuß”, “Keynesianische Ritter” und natürlich das Heimteam “WFI – Weltmeister f(!)on Ingolstadt”.

Gefeiert wird natürlich auch auf der Summer Challenge. Doch das bleibt privat, meint Roman Dykta. “Denn es geht nicht darum, irgendjemanden bloßzustellen, weil er ein paar Bier zu viel hatte. Außerdem heißt es bei uns immer: Wer hart arbeitet, gute Studienergebnisse vorzuweisen hat, darf auch ordentlich feiern. Solange er nicht über die Stränge schlägt und weiß: Wenn Business dran ist, dann ist Business dran.” Man munkelt, die Unternehmensvertreter seien stets die letzten auf den Partys.
Dass man auf die lockere Tour schneller und einfacher Kontakte zu den talentierten Berufseinsteigern machen und vor allem viel intensivere Bindungen zum Unternehmen herstellen kann, haben die Unternehmen längst gemerkt. So lädt die Boston Consulting Group für Juli dazu ein, ein Opernhaus strategisch neu aufzustellen. Studenten hatten drei Tage lang die Chance, den Beratern von BCG über die Schulter zu schauen, Einblicke in die Kulturbranche zu erhalten und schon mal zu testen, ob und welche Ideen sie selbst für Musik, Oper und Tanz entwickeln können. Dabei spielt es keine Rolle, ob die Teilnehmer angehende Biochemiker, Maschinenbauer oder Pianisten sind – BCG setzt auf interdisziplinäre Teams und darauf, dass sich Bewerber auch außerhalb des Studiums engagieren. Ingenieure sollen zur gleichen Zeit dagegen das Zusammenspiel von Containerschiffen, Frachtern und Tankern ergründen, um so innerhalb eines Workshops den Fachbereich Logistik und den Beraterberuf näher kennenzulernen.

Das Projekt “Highspeed Karlsruhe” bringt dagegen Kfz-begeisterte Studenten und Herstellern sowie Zulieferer aus der Autobranche zusammen. Über einen längeren Zeitraum basteln die Teilnehmer an zwei Rennboliden herum, unterstützt von Lack- und Motorfirmen, Software-Distributoren und Stahlproduzenten, die nur zu gern ein Auge auf begabte Tüftler werfen. Die Kombination Technik-Elektronik-Wirtschaft ist für die Studenten nicht nur attraktiv wegen der Einblicke in Forschungsfelder und Berufspraxis oder wegen der Rennwagen, die dort gebaut werden und im August bei der Formula Student auf dem Hockenheimring antreten. Sie bietet auch eine gute Plattform, sich selbst mit seinen Talenten in Konstruktion, Elektronik, Fertigung, Marketing, Eventmanagement oder Projektmanagement zu präsentieren. Das Motto steht jedes Jahr aufs Neue: Löten, fräsen, telefonieren für die Karriere!

Die Schlagzeile an der Handelshochschule Leipzig lautete indes Anfang Juni: Score for More! Die Business-School verbindet Kicken und Netzwerken für den Berufseinstieg innerhalb eines Fußballturniers der European Ivy League. Beim Training, im Spiel und beim anschließenden Siegesbier wird Alumni und Studierenden eine Kontaktbasis zu großen Unternehmen eröffnet. Der Andrang ist nicht nur aus fußballerischer Sicht jedes Jahr groß.

(Quelle: www.ftd.de, Sabine Meinert)

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